BIANCA KENNEDY

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SWIMMING WITH THE LOVERS

2019
Fineliner und Aquarell auf Papier
27,7 x 55,4 cm
Unterstützender Entwickler: Leonid Barsht



Die Badewanne ist ein zentrales Sujet im Schaffen Bianca Kennedys: Im Jahr 2016 begann sie eine fundierte Erforschung dieses intimen Ortes menschlicher Existenz im Film und schuf in den folgenden Jahren auf Basis des Kaleidoskops gefundener Badeszenen eine umfassende Serie kolorierter Zeichnungen. Auf ihnen ist die Wanne niemals leer, sondern stets liquide gefüllt und mehr oder weniger lebhaft bevölkert von einer oder mehreren Figuren in jeglichen Lebenslagen und -altern. Das wahre Leben da draußen spiegelt sich hier mitunter wider, reduziert auf wenige Quadratmeter, gebündelt, entblößt, im Wannenwasser gelöst und erhitzt. Ob Langeweile oder Leidenschaft: In der Wanne werden sie intensiviert. Zeichnungen im selben Stil sind es auch, die Kennedys Virtual-Reality-Arbeit VR all in this together von 2018 zugrunde liegen, in der sie den Betrachter oder die Betrachterin an den gekachelten Rückzugsort zweier selbstversunkener Badender katapultiert und einem wahren Wechselbad der Gefühle aussetzt: Einerseits lässt sich die durch ein leises Plitsch-Platsch untermalte Szene friedlicher Intimität genießen, andererseits kommt man nicht umhin, sich als Eindringling, als Voyeur*in eines nicht für die eigene Wahrnehmung bestimmten Schauspiels ertappt zu fühlen. Im Unterschied hierzu blickt die Badende auf Kennedys augmentierter Zeichnung von 2019 aus dem Bild heraus: Entspannt eine Haarsträhne zwischen den Fingern zwirbelnd nimmt sie Blickkontakt auf, als wäre sie mit ihrem realen Gegenüber vertraut. Sechs unterschiedlich geformte Nasen im limonadig orange lavierten Badewasser lassen die Szene surreal und zugleich noch sinnlicher wirken, werfen jedoch unweigerlich auch die Frage auf, wessen olfaktorischen Organe der weibliche Akt da in seine Nähe lässt und warum – oder sind es sogar Repräsentanzen des eigenen Geruchssinns im Bild, die der Frau da zu Leibe rücken?

Das Spiel mit Nähe und Distanz treibt auch die mit der Zeichnung verknüpfte Augmented-Reality-App INKA AR weiter: Glaubte man sich zunächst nur wenige Schritte von der badenden Bildfigur entfernt, lässt die Anwendung einen ganzen Wald papierener Topfpflanzen hinter einer geschlossenen Tür aufpoppen, die einen durch ihre räumliche Dimension in weite Ferne der Szene zu rücken scheinen. Ein zusätzliches Element bildet unter anderem rechterhand eine die waldmeistergrüne Badezimmerkachelung weiterführende Raumecke mit Waschbecken, Bademantel und Handtuch. Und damit nicht genug: Das Gesicht der Protagonistin ist plötzlich entstellt zu einer einäugigen Fratze, die durch ihre abschreckende Wirkung eine zusätzliche Ebene der (emotionalen) Distanz evoziert. Alle eingeblendeten Elemente sind weiterhin analog gezeichnet, die digitale Augmented-Reality-Technik aber ermöglicht ihre räumliche Anordnung und eine spielerische Interaktion: Durch Berühren des Bildschirms lassen sich – untermalt durch ein deutliches Platschen – zuerst die Tür und im Anschluss nahezu alle übrigen Bestandteile der erweiterten Realität wieder entfernen; allein die aufgeklappte Raumecke bleibt hartnäckig bestehen. Jedes Tippen führt außerdem zu einer weiteren surrealen Metamorphose der Protagonistin, und nur vereinzelt taucht wie eine ephemere Vision ihr vertrautes Gesicht wieder auf.

Für die Augmentierung von Swimming with the lovers separierte Bianca Kennedy ihre Ideen in sinnvolle Teilaufgaben, wodurch ein strukturiertes und effizientes Vorgehen möglich war. Parallel zur tatsächlichen Umsetzung ermöglichte dies die Vertiefung in einzelne Teilgebiete der Entwicklung von Augmented Reality-Anwendungen und gab der Künstlerin das Wissen und die nötigen Werkzeuge, um vergleichbare Projekte in Zukunft eigenständig realisieren zu können. Einer der Kernpunkte dieser AR-Arbeit war die Interaktion, da beim Berühren des Smartphone-Bildschirms verschiedene Events ausgelöst werden sollen. Bei der Implementierung erfordert dies allerlei Abfragen im Programm, wo z.B. der Bildschirm berührt wurde, ob es sich um einen einzelnen Klick handelt etc. Ebenso bedarf es weiteren Code, wenn die Berührungen beim Entwickeln am Computer getestet werden sollen. Um all dies zu vereinfachen, wurde das Tool Lean Touch in das Projekt importiert, welches viele der Basisabfragen bereits intern übernimmt.

Text: Maja Stark und Leonid Barsht


Über die Künstlerin:

Bianca Kennedy studierte Freie Kunst an der Akademie der Bildenden Künste in München und machte dort ihren Meisterschülerabschluss bei Professor Klaus vom Bruch. Stipendienaufenthalte führten sie nach Nordamerika, Barcelona, Athen und Tokio. Ihre Animationen, Zeichnungen und ortsspezifischen Installationen wurden unter anderem im Kunstverein München, im Centro Cultural Banco do Brasil in São Paulo, in der C-Gallery Mailand und bei der Colombo Art Biennale in Sri Lanka gezeigt. Neben analytischen Stop-Motion-Animationen, in denen Bianca Kennedy menschliche Abgründe aufzeigt, arbeitet die Künstlerin regelmäßig an Foto- und Zeichnungsserien, für die sie selbst geschaffene Raummodelle inszeniert.

www.biancakennedy.com